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Marktaufsicht nimmt (endlich) DecaBDE-Kartuschen ins Visier

Öko-Monopoly mit hässlichen Kollateralschäden

Der Skandal um DecaBDE-belastete Tonerkartuschen aus China hält die Branche weiter in Atem. Wir haben in den letzten Wochen die toxikologische Seite des Ganzen im Detail unter die Lupe genommen und sowohl Beruhigendes als auch Beunruhigendes zu Tage gefördert. Zudem gab es im Rahmen der Paperworld Gespräche mit den Verantwortlichen vom Umweltbundesamt (UBA). Jetzt ist die Marktaufsicht in den Bundesländern am Zug, endlich Sanktionen gegen die Inverkehrbringer der verbotenen Kartuschen zu verhängen. In NRW wurden bereits erste Maßnahmen ergriffen. Last but not least hat Druckerprimus HP dem Thema zuletzt sehr hohe Priorität eingeräumt: Gemeinsam mit DI – Digital Imaging wird HP am 2. April ein Webinar veranstalten, im dem Partner und Kunden über die Gefahren, die von chinesischen Toner-Imitaten ausgehen, informiert werden.

DVerantwortlichen des Umweltbundesamtes haben sich auf der Paperworld aus erster Hand zum DecaBDE-Skandal informiert: Jetzt ist die Marktaufsicht am Zug, endlich Sanktionen zu verhängen. In NRW wurden bereits erste Maßnahmen ergriffen. (© Fotolia/Gina Sanders)
DecaBDE-Skandal

Als wir im September mit unseren Recherchen begannen, konnten wir nicht einmal ansatzweise ahnen, wie riesig die Dimension des Skandals ist und welche Sprengkraft sich dahinter verbirgt. Mittlerweile wissen wir, dass wahrscheinlich hunderttausende stark DecaBDE-belastete chinesische Toner-Imitate im deutschen Markt kursieren. Und wir wissen auch, dass die flammschutzhemmende Wirkung von Decabromdiphenylether wohl gar nicht der Grund war, die Substanz den Tonermodulen beizumischen. Vielmehr spricht Einiges dafür, dass wir es mit einem Fall von globalem Öko-Monopoly zu tun haben.

So wurde DecaBDE bis vor einigen Jahren vielen Elektronikgeräten zugesetzt. Als Flammschutzmittel. Ein beträchtlicher Teil der Altgeräte landete in China, wo aus den Gehäusen Kunststoff-Rezyklate gewonnen wurden, die in die Produktion neuer Kunststoffartikel einfließen. Nur will in Europa zwischenzeitlich niemand mehr DecaBDE-belastete Rezyklate. Die wachsen im Reich der Mitte deshalb zu immer größeren Bergen an. Die natürlich irgendwann abgebaut werden müssen. Tonerkartuschen schienen dafür ideal: unscheinbare Volumen-Produkte, an denen höchst selten jemand knabbert. Nach uns vorliegenden Informationen soll es sogar regelrechte ‚Incentives‘ in China geben: Wer belastetes Kunststoff-Rezyklat abnimmt, bekommt das entsprechend vergütet. Und schon ist der DecaBDE-Berg etwas kleiner, und der ‚Dreck‘ wieder beim ursprünglichen Erzeuger. So funktioniert globales Öko-Monopoly…

Mitgefangen – mitgehangen: Die deutschen Online-Händler sind zu Recht verunsichert, denn als Inverkehrbringer belasteter China-Kartuschen sind sie als erste in der Haftung. (© Fotolia/bogdanvija)
Falschbehauptungen und Nebelkerzen

Aus Sicht des Handels und der Anwender hat der Skandal grundsätzlich zwei Seiten – I) eine rechtliche und II) eine gesundheitliche.

ad I) Rein rechtlich darf DecaBDE laut REACH-Verordnung seit dem 2. März 2019 in Europa nicht mehr hergestellt oder in Verkehr gebracht werden. In Elektro- und Elektronikgeräten ist DecaBDE schon seit dem 1. Juli 2008 (!) europaweit verboten. Tonerkartuschen mit Mikrochip fallen in diese Produktkategorie. Obwohl dieser Punkt an und für sich klar ist, kursieren im Markt allerlei Falschbehauptungen. Insbesondere die betroffenen chinesischen Anbieter behaupten gerne, dass DecaBDE-belastete Tonerkartuschen gemäß deutscher Elektrostoffverordnung (ElektroStoffV) – die nationale Umsetzung der RoHS-Richtlinie (Richtlinie 2011/65/EU zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten) – noch bis zum 21. Juli 2019 in Verkehr gebracht werden dürften. Sie beziehen sich dabei auf eine Übergangsvorschrift der Elektrostoffverordnung. Wahrer wird die Behauptung dadurch, dass man sie mehrfach wiederholt, freilich nicht…

Fotos

DecaBDE-belastete China-Kartuschen sind nicht nur illegal und gesundheitsschädlich, sondern auch eine starke Belastung für die Abfall-Kreisläufe. (© CR-Solutions)
Weil dieser Punkt der Casus Knaxus in dem ganzen Fall ist, haben wir das Umweltbundesamt (UBA) gebeten, uns hierzu eine rechtliche Einschätzung abzugeben. Die fiel eindeutig aus. Hier die wichtigsten Auszüge: „Wir halten die Annahme, dass die Übergangsvorschrift laut § 15 Abs. 2 ElektroStoffV auf Tonerkartuschen anwendbar ist, für nicht zutreffend. (…) Die in § 3 Abs. 1 Elektrostoffverordnung geregelten Stoffverbote für das Inverkehrbringen von Elektro- und Elektronikgeräten sind auf Druckerpatronen und Tonerkartuschen anzuwenden. Sie dürfen folglich nur in Verkehr gebracht werden, wenn die zulässige Höchstkonzentration bestimmter Stoffe nicht überschritten wird. Für DecaBDE darf die Höchstkonzentration von 0,1 Gewichtsprozent nicht überschritten werden.“

Damit ist dieser entscheidende Punkt eindeutig geklärt – schließlich ist das UBA neben dem Bundesumweltministerium (BMU) fachlich die höchste deutsche Instanz in solchen Fragen. Und die Statements unserer chinesischen Freunde sind, was sie sind: Falschbehauptungen und Nebelkerzen, um von den massiven Gesetzesverstößen abzulenken.

Die Tatsache, dass unter Normalbedingungen nur geringe Mengen an DecaBDE aus den Kartuschen freigesetzt werden, als pauschale Entwarnung oder gar Freibrief zu werten, wäre ausgesprochen zynisch – schließlich ist DecaBDE ein starkes Nervengift und wird in den USA sogar als potenziell krebserregend eingestuft! (© Fotolia/Colibri)
US-Studien belegen: DecaBDE ist potenziell krebserregend

ad II) Bislang wenig publiziert wurde zu dem zweiten Aspekt des DecaBDE-Skandals – den Gesundheitsrisiken für die Anwender. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist die Studienlage zur toxikologischen Wirkung von polybromierten Diphenylethern eher dünn. Zum anderen gibt das rein toxikologische Profil einer Substanz noch keinerlei Aufschluss darüber, wie viel davon ein Mensch unter Normalbedingungen aufnimmt.

DecaBDE gilt als bioakkumulierender, toxischer Stoff, und die EU stuft ihn als sog. POP (persistant organic potulant, bleibenden organischen Schadstoff) ein. Zudem steht die Substanz auf der Liste der ‚besonders besorgniserregenden Stoffe‘ (SVHC) der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA). Wenn ein SVHC in einem Produkt in einer Konzentration > 0,1 % enthalten ist, muss der Lieferant gewerbliche Kunden aktiv informieren – zum Beispiel über entsprechende Datenschutzblätter. Auch gegen diese Richtlinie haben die betroffenen chinesischen Anbieter verstoßen.

Zu den wissenschaftlichen Studien in Europa: Eine experimentelle Studie an Mäusen kommt zu dem Schluss, dass DecaBDE neurotoxisch wirkt und das Zentralnervensystem schädigt. Eine zweite Studie weist erhöhte Konzentration von DecaBDE in der Muttermilch nach: Hieraus schlussfolgern die Wissenschaftler eine embryotoxische Wirkung des Stoffes. Europäische Studien, die eine krebserregende (karzinogene) Wirkung von DecaBDE nachweisen, gibt es bislang nicht.

Anders ist die Lage in den USA: Dort hat die United States Environmental Protection Agency (EPA) DecaBDE schon 2009 als potenziell krebserregend („Evidence of carcinogenic potential is suggested for DecaBDE“) eingestuft. Das entspricht der Klassifizierungsstufe C für krebserregende Substanzen. Diese Einstufung basiert unter anderem auf Laborversuchen an Ratten, bei denen nach Gabe von DecaBDE ein signifikanter Anstieg von Leberkarzinomen festgestellt wurde. Erst kürzlich (2019) bekräftigte die EPA in einer aktuellen Publikation ihre Einstufung von DecaBDE als potenziell karzinogen.

Mathematische Migrations-Modellierung

Hunderttausende belastete Kartuschen, zudem wird DecaBDE in den USA als potenziell krebserregend eingestuft: Das klingt wenig erbaulich. Umso wichtiger war es uns deshalb, ein möglichst realitätsnahes Szenario über die Freisetzung der Substanz aus den Tonerkartuschen zu bekommen. Laut Prof. Heidi Foth, Chefin des Instituts für Umwelttoxikologie an der Uni Halle, lautet die entscheidende Frage bei additiven Zusatzstoffen wie Flammschutzmitteln: Wie fest sind diese mit dem Kunststoffpolymer verbunden? Sind sie fest mit dem polymeren Netzwerk verbunden, dann ist das toxikologische Risiko als gering einzustufen. Ist das DecaBDE jedoch nur lose mit dem Polymer assoziiert – dann sei richtig Gefahr im Verzug, erklärte uns Foth.

Um die ‚Migrationsfähigkeit‘ von DecaBDE realistisch einschätzen zu können, baten wir Dr. Angela Störmer, Prüfleiterin Migration beim Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV in Freising, um ihre Expertise. Die schlechte Nachricht zuerst: Flammschutzmittel sind grundsätzlich nicht fest mit dem Kunststoff-Polymer verbunden sondern migrationsfähig. Allerdings – und das ist die gute Nachricht – entweichen Flammschutzmittel aus harten Kunststoffen nur sehr langsam. Weil Tonerkartuschen-Gehäuse zum großen Teil aus Polystyrol – einem ausgesprochen harten Kunststoff – bestehen, schätzt Störmer die Menge an freigesetzten DecaBDE aus den belasteten China-Kartuschen eher niedrig ein. Um eine wissenschaftlich fundierte Aussage treffen zu können, erklärte sie sich zu einer mathematischen Modellierung der DecaBDE-Migration aus Polystyrol-Kunststoff bereit.

Riesenglück im Unglück

Weil DecaBDE einen sehr niedrigen Dampfdruck hat, entweicht unter Normalbedingungen so gut wie kein DecaBDE in die Raumluft. Der wahrscheinlichste Weg für die Aufnahme durch Menschen ist die Diffusion der Substanz in den Tonertank, die Übertragung aufs Papier beim Druckvorgang und die Aufnahme über das bedruckte Papier und die Haut. Hier kam Störmer bei konservativen Annahmen zu dem Ergebnis, dass bei einer mit 1,5 Gew. % DecaBDE belasteten Kartusche bei Raumtemperatur 7 ng DecaBDE auf eine bedruckte Seite übergehen würden (gerechnet für eine einjährige Lagerung der Kartusche). Bei 45 Grad – der Temperatur, die eine Kartusche beim Druckvorgang erreicht, liegt der Wert bei 21 ng je Blatt (beim Bedrucken von 1.000 Blatt in zehn Tagen). Das ist zum Glück (!) deutlich niedriger als der Schwellenwert, den man als akzeptables Risiko für karzinogene Substanzen festgelegt hat: Der liegt bei 0,15 µg je Person und Tag. Damit müsste ein Anwender – wenn man die 45 Grad für den Druckvorgang zugrunde legt – die Gesamtmenge an DecaBDE, die auf sieben bedruckten Seiten haftet, aufnehmen, um den Grenzwert zu überschreiten.

Das ist Riesenglück für die Anwender – und ebenso für unsere chinesischen Freunde: Würden die Kartuschen-Gehäuse aus weicheren Kunststoffen bestehen, dann hätten wir das Horrorszenario einer massiven Vergiftung ahnungsloser Anwender auf breiter Front. Und es möge uns keiner der betroffenen chinesischen Hersteller erzählen, man sei sich dieses enormen Risikos auch nur ansatzweise bewusst gewesen…

Völlig anders ist die Situation im Abfall-Kreislauf: Da chinesische Nachbau-Kartuschen für die Wiederaufbereitung in der Regel nicht taugen, landet ein Großteil in der thermischen Verwertung. Spätestens in den Verbrennungsöfen werden höchstwahrscheinlich hohe DecaBDE-Mengen frei gesetzt. In welchem Ausmaß moderne Anlagen den Stoff ausfiltern, lässt sich schwer einschätzen. Es kann auf jeden Fall nicht sein, dass die einen (chinesische Anbieter) den Abfall- und Leergut-Kreislauf mit schadstoffbelasteten Kartuschen verstopfen und die anderen (Entsorger und Reman-Hersteller) dafür auch noch die Zeche zahlen sollen…

Die offiziellen Mühlen mahlen langsam – aber sie mahlen…

Völlig unverständlich ist für alle Beteiligten, warum die zuständigen Behörden nicht längst aktiv geworden sind und die Händler, die DecaBDE-belastete Kartuschen verkaufen, abstrafen. Solange das nicht geschieht, hält die eklatante Wettbewerbsverzerrung weiter an. Hier hat man bisweilen das Gefühl, dass sich Brüssel und Berlin gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben. Dem Umweltbundesamt muss man in diesem Kontext zugutehalten, dass sich die für Produktverantwortung zuständige Fachgebietsleiterin im Rahmen eines längeren Meetings auf der Paperworld detailliert zu dem Problem informiert hat. Im Anschluss daran hat sie die Marktaufsicht in den Bundesländern informiert. Jetzt liegt es an dieser – die Marktaufsicht ist in Deutschland Ländersache – endlich Sanktionen auf den Weg zu bringen.

In Nordrhein-Westfalen (NRW) ist die zentrale Marktüberwachungsstelle bereits aktiv geworden und hat erste Händler angeschrieben, die im Verdacht stehen, DecaBDE-belastete China-Kartuschen zu verkaufen. Zwar sind die Vollzugsregeln bei Verstößen im Abfallrecht wesentlich weniger scharf als zum Beispiel im Lebensmittelrecht; zudem sind die zuständigen Behörden personell chronisch unterbesetzt, und deshalb mahlen die offiziellen Mühlen sehr langsam. Aber sie mahlen. Und jeder Händler mit Sitz in Deutschland, der hierzulande schadstoffbelastete Chinakartuschen verkauft, muss ernsthaft damit rechnen, demnächst Post von der Marktaufsicht zu bekommen…

Unwissenheit schützt nicht vor Strafe

Sehr hohe Priorität hat dem Thema der Drucker-Weltmarktführer HP eingeräumt: Angesichts steigender Marktanteile chinesischer Toner-Imitate beobachtet der US-Konzern das Treiben der Hardcopy-Anbieter aus Fernost mit Argus-Augen. Den DecaBDE-Skandal sieht man HP-intern als klaren Beleg dafür, dass die Chinesen sich über solche Wettbewerbsverzerrungen Vorteile verschaffen. Um seine Partner sowie große Endkunden über die Risiken, die mit dem Verkauf bzw. der Verwendung chinesischer Toner-Imitate einhergehen, aufzuklären, wird HP gemeinsam mit DI – Digital Imaging am 2. April ein Webinar veranstalten. Händler, die sich aus erster Hand zu dem brisanten Thema informieren wollen, können sich über den nachfolgenden Link für das Webinar anmelden: http://tinyurl.com/y5z66zyr Unwissenheit schützt bekanntlich nicht vor Strafe. Allenfalls Untätigkeit der zuständigen Behörden – zumindest bis jetzt. Die kann aber von heute auf morgen vorbei sein. Und wenn erst ein Brief der Marktaufsicht in Ihrem Briefkasten ist, dann nutzt auch ein Webinar nichts mehr… ho

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