Digital-Imaging - TOP-THEMEN Von chinesischen Betrügern und deutschen Bauernopfern,  

China-Kartuschen offensichtlich massenhaft mit Schadstoffen belastet

Von chinesischen Betrügern und deutschen Bauernopfern

Neue Tests der ETIRA zeigen, dass chinesische Newbuilt-Kartuschen (NBC) in weit größerem Ausmaß mit dem verbotenen toxischen Flammschutzmittel Decabromdiphenylether (DecaBDE) belastet sind, als ursprünglich angenommen. Dafür spricht neben der Tatsache, dass bislang acht von neun getesteten Kartuschen stark belastet waren, auch die hohe Spezialisierung in der chinesischen Hardcopy-Industrie: So gehen Insider davon aus, dass ein Großteil der Gehäuse für chinesische NBC von einem einzigen Zulieferer, Huiwei (nicht zu verwechseln mit dem Smartphone-Hersteller Huawei), stammt. Weitere Tests, die gerade anlaufen, werden bald Klarheit bringen. Derweil nimmt die Nervosität unter den deutschen Online-Händlern deutlich zu: Zu Recht befürchten diese, dass sie als Inverkehrbringer der Kartuschen am Ende den Kopf hinhalten müssen und von ihren chinesischen Lieferanten im DecaBDE-Regen stehen gelassen werden.

Vorsicht, Gefahrstoff! Neue Tests legen nahe, dass chinesische Newbuilt-Kartuschen in weit größerem Maße mit dem verbotenen Flammschutzmittel DecaBDE belastet sind, als bisher angenommen. (© Alamy Stock Foto/Jochen Tack).
DecaBDE-belastete China-Kartuschen

Selten hat eine Reportage von uns eine solche Lawine losgetreten wie der Investigativbericht „Skrupellose chinesische Free Rider“ in unserer September-Ausgabe DI – Digital Imaging 5-2018: Damals hatten wir als erste aufgedeckt, dass bestimmte chinesische Newbuilt-Tonerkartuschen (NBC) mit extrem hohen Konzentrationen des verbotenen toxischen Flammschutzmittels Decabromdiphenylether (DecaBDE) belastet sind. Der Stoff wird vom Umweltbundesamt als persistent, bioakkumulierend und toxisch (PBT) bewertet und steht im Verdacht, langfristig schädliche Auswirkungen auf die Embryonalentwicklung zu haben. Deshalb steht er auch auf der Liste der ‚besonders besorgniserregenden Stoffe‘ (SVHC) der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA).

Um die Gesundheitsgefährdung für die Anwender, die von den DecaBDE-belasteten China-Kartuschen ausgeht, exakt einschätzen zu können, haben wir zwei namhafte Umwelttoxikologen um ihre Expertise gebeten. Sobald uns deren Stellungnahme vorliegt, werden wir diese auf der DI-Homepage publizieren.

Alle wichtigen Hardcopy-Ticker weltweit hatten das Thema damals aufgegriffen, und es wurde hitzig in der Branche debattiert. Auch im Reich der Mitte wurden die Berichte aufmerksam verfolgt. Dazu Daniel Orth, Geschäftsführender Gesellschafter bei Tonerdumping: „Wir waren mit unseren großen Tonerkartuschen-Lieferanten schon seit einigen Monaten im Gespräch, um sicherzustellen, dass künftig kein Plastikteil mehr die vorgeschriebenen Grenzwerte überschreitet. Von unserem wichtigsten asiatischen Lieferanten Ninestar weiß ich, dass man das Thema sehr ernst genommen hat und schon im Oktober begonnen hat, die Produktion umzustellen.“ Auch bei Aster ist das Thema sehr schnell bis in die oberste Etage vorgedrungen, und man hat entsprechend reagiert.“ Das zeigt, wie sehr man sich bei den großen chinesischen Hardcopy-Herstellern der Brisanz des Ganzen bewusst ist. Aber selbst wenn Ninestar & Co. binnen weniger Wochen ihre gesamte Produktion umstellen, so ist das Problem damit noch lange nicht gelöst: Da die Asiaten den europäischen Markt mit ihren Newbuilts in den letzten Jahren regelrecht überschwemmt haben, muss man davon ausgehen, dass hunderttausende, im schlimmsten Fall sogar Millionen belasteter China-Kartuschen in europäischen Druckern ihre Dienste tun.

Schockierend: Acht von neun Kartuschen stark belastet

In dem ursprünglichen Bericht im September war es ‚nur‘ um zwei stark mit DecaBDE belastete Kartuschen von Static Control gegangen. Um ein genaueres Bild vom Ausmaß des Skandals zu bekommen, hat der europäische Remanufacturer-Verband ETIRA in den letzten Wochen eigene Tests in Auftrag gegeben. Dazu hat die ETIRA verschiedene Newbuilt-Kartuschen von asiatischen Herstellern über Amazon gekauft und beim TÜV Rheinland/LGA testen lassen.

Die Ergebnisse sind schockierend: Von fünf getesteten Newbuilt-Kartuschen enthielten vier DecaBDE in extrem hohen Konzentrationen – zwischen 2.000 und 17.000 mg/kg (!). Konkret betroffen sind folgende Newbuilt-Tonerkartuschen:

  • Marke Bubprint (kompatibel zu HP17A), Verkauf über den Amazon-Händler Druckerpatronen Express (Deutschland)
  • Marke Prestige Print (kompatibel zu HP17A), Verkauf über den Amazon-Händler J&H Greentech and Trading Ltd. (U.K.)
  • Marke Koala (kompatibel zu HP26X), Verkauf über den Amazon-Händler Lucky Suppliers Handels GmbH (Deutschland)
  • Marke Yellow Yeti (kompatibel zu HP26X), Verkauf über den Amazon-Händler Simple Printing Ltd. (U.K.)

Welche Hersteller die belasteten Kartuschen der mehr oder weniger exotischen Marken produziert haben, konnte uns die ETIRA nicht sagen. Welche Kartusche wie hoch belastet war, das wollte man nicht verraten – nur dass die vier Kartuschen von Bubprint, Prestige Print, Koala und Yellow Yeti hohe DecaBDE-Konzentrationen von 2.000 bis 17.000 mg/kg aufwiesen. ETIRA-Generalsekretär, Vincent van Dijk, sagte, ihm sei es bei der Auswahl der Testkartuschen vor allem darum gegangen, dass es sich um Produkte handelt, die jeder Verbraucher einfach online beziehen kann. Er habe deshalb gezielt Kartuschen gekauft, die auf Amazon prominent gelistet waren. Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, direkt die Kartuschen der großen chinesischen Hersteller Ninestar, Print-Rite und Aster testen zu lassen. Aber aufgeschoben sei ja nicht aufgehoben und die ETIRA werde im Januar weitere Tests machen lassen und dabei auch die großen Marken einbeziehen.

Wenn es um den Profit geht, werden europäische Gesetze von chinesischen Unternehmen schon mal ignoriert – selbst wenn die Gesundheit der Verbraucher gefährdet ist. (© Fotolia/ra-2 Studio).
Auch van Dijk zeigte sich angesichts der neuen Ergebnisse schockiert: „Unsere Tests geben Anlass zu echter Sorge. Sie zeigen, dass wir es im Falle von DecaBDE nicht mit Einzelfällen zu tun haben sondern mit einem sytemischen Problem asiatischer Newbuilt-Kartuschen, die extrem hohe Konzentrationen einer gefährlichen Substanz enthalten. Dabei reklamieren viele asiatische Hersteller für sich sogar, dass ihre Kartuschen REACH- und RoHS-konform seien – dabei sind sie es ganz offensichtlich nicht. Wir von der ETIRA fordern deshalb die zuständigen EU- und auch nationalen Behörden auf, die belasteten Kartuschen so schnell wie möglich vom Markt zu entfernen!“

And the ‚DecaBDE Oscar‘ goes to – Static Control…

Neben den fünf jetzt von der ETIRA getesteten Kartuschen und den beiden bereits im September analysierten Static Control-Kartuschen wurde im November noch eine weitere Kartusche getestet: Es handelte sich dabei um eine HP 412X von Tonerdumping. Auftraggeber war derselbe Remanufacturer, der schon die beiden Static Control-Kartuschen hat testen lassen und uns damals die Ergebnisse im Vertrauen zugespielt hat. Auch die Kartusche von Tonerdumping war stark belastet: Das Labor von TÜV Rheinland/LGA hat einen DecaBDE-Wert von 14.000 mg/kg gemessen, während die HP-Referenzkartusche sauber war.


Wie uns Daniel Orth auf Rückfrage mitteilte, handelt es sich bei der belasteten Tonerdumping-Kartusche zweifelsfrei um eine Static-Control-Kartusche. Tonerdumping habe diese übrigens nicht direkt bei einer chinesischen Firma gekauft, sondern bei einem namhaften Toner-Recycler aus Deutschland. Damit führt Static Control die wenig rühmliche ‚DecaBDE-Hitliste‘ mit drei verseuchten Kartuschen derzeit souverän an…

Willkommen im ‚DecaBDE-Club‘: Aster

Last but not least liegen uns bereits seit Juni die Analysen einer neunten getesteten Kartusche vor: Auch diese stammen von unserer anonymen Quelle. Weil für diesen Test keine HP-Kartusche als Referenz mit analysiert wurde und die Kartusche nicht für den europäischen Markt bestimmt war, hatten wir den Namen des Herstellers bislang unter Verschluss gehalten. Davon rücken wir nun ab, weil die Analysen vom TÜV Rheinland/LGA auch ohne Negativkontrolle vertrauenswürdig sind. Es handelt sich um eine HP 18A Laserkartusche (Schwarz) von Aster. Konkret wurde diese im Mai in Moskau gekauft und im Juni getestet. Auch bei dieser Aster-Kartusche wurde eine hohe DecaBDE-Belastung von 5.600 mg/kg gemessen.

Die HP 18A ist nahezu baugleich wie die HP 17A und kommt beim HP LaserJet Pro M104A und M104W zum Einsatz. Diese Drucker werden in Osteuropa verkauft, hierzulande nicht. Formal rechtlich mag diese Kartusche nicht zu belangen sein, weil sie nicht für den europäischen Markt bestimmt war – im moralischen Sinn macht es aber keinen Unterschied, ob ich Europäer, Russen oder Afrikaner vergifte…

Damit enthalten acht von neun bislang getesteten China-Kartuschen hohe Konzentration von DecaBDE – das ist eine Quote von knapp 90 %. Und es ist ein handfester Skandal: Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass wir es hier nicht mit einem punktuellen sondern einem flächendeckenden Problem zu tun haben, dann ist dieser spätestens mit den neuen Ergebnissen der ETIRA-Testserie erbracht.

Blick auf das Huiwei-Firmengebäude in Zhuhai: Links im Hintergrund – nur ca. 400 Meter entfernt – ist bereits das erste Gebäude der neuen Ninestar-Fabrik zu sehen.
Viele belastete Kartuschen – wenige Zulieferer

Neben der hohen Trefferquote gibt es weitere, starke Indizien dafür, dass chinesische NBC auf breiter Basis mit DecaBDE belastet sind. So haben unsere Recherchen ergeben, dass es mit der Vielfalt der Zulieferer in der chinesischen Hardcopy-Industrie nicht allzu weit her ist: Sowohl auf Ebene der Fertigkartuschen-Hersteller als auch der Zulieferer gab es in den letzten Jahren eine starke Konsolidierung. Insider gehen davon aus, dass deshalb ein Großteil der Gehäuse für chinesische NBC von einem einzigen Zulieferer stammt: der Huiwei Corp. mit Sitz in Zhuhai. Volker Kappius, Geschäftsführer bei Delacamp und Sprecher des Netzwerkes der Deutschen Kartuschen Wiederaufbereiter DKWU, hat die Entwicklung in der chinesischen Hardcopy-Industrie in den letzten Jahren aufmerksam beobachtet. Zu dem DecaBDE Thema befragt, erklärt Herr Kappius, dass schätzungsweise 60–80 % aller Gehäuseteile für chinesische Newbuilt-Tonerkartuschen von Huiwei produziert werden. Neben den ihm beschriebenen Zahlen führt Kappius noch ein weiteres Indiz an: „Schauen Sie sich mal an, wer direkt neben der neuen, modernen Fabrik von Ninestar in Zhuhai vor zwei bis drei Jahren eine riesengroße Produktion hochgezogen hat: Huiwei…“

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es gibt bislang keinen Beweis dafür, dass Huiwei die Gehäuse der belasteten Kartuschen geliefert hat. Aber es ist – angesichts der hohen Marktanteile des chinesischen Unternehmens in diesem Segment – ziemlich wahrscheinlich, dass in den belasteten Kartuschen auch Kunststoffteile von Huiwei verbaut waren. Und das wäre im Umkehrschluss wieder ein klares Indiz dafür, dass wir es höchstwahrscheinlich mit einem Flächenproblem zu tun haben.

Mitgefangen – mitgehangen: Die großen deutschen Online-Händler sind zu Recht verunsichert, denn als Inverkehrbringer belasteter China-Kartuschen sind sie als erste in der Haftung. (© Fotolia/bogdanvija)
Misstrauen gegenüber chinesischen Lieferanten wächst

Dass die Händler von China-Kartuschen angesichts dieser Entwicklung stark verunsichert sind – insbesondere die großen Online-Player auf Amazon & Co. – überrascht nicht: Zu Recht befürchten diese, dass sie als Inverkehrbringer der Kartuschen den Kopf hinhalten müssen und am Ende von ihren chinesischen Lieferanten im DecaBDE-Regen stehen gelassen werden. Wir wissen aus mehreren Gesprächen, dass unser Bericht vom 17. Dezember die Nervosität vieler Online-Händler nochmal verstärkt hat: Man ist sofort in den Krisenmodus gewechselt, und die Telefondrähte zu den asiatischen Lieferanten haben nach der Veröffentlichung regelrecht geglüht. Die Chinesen haben die Fragen ihrer deutschen Vertriebspartner nach den Inhaltsstoffen der Kartuschen auf ihre eigene Art beantwortet: mit ellenlangen Dokumenten zur angeblichen REACH- und RoHS-Konformität ihrer Produkte. Aber Papier ist bekanntlich geduldig. „Wenn nur einer in der ganzen Lieferkette – vom Kunststoff-Granulat-Lieferanten bis hin zum Fertigkartuschen-Hersteller – lügt, dann ist eine solche Konformitätserklärung keinen Pfifferling wert“, beklagt ein großer Händler, der nicht namentlich genannt werden möchte. Ein anderer drückt sein wachsendes Misstrauen so aus: „Es wird laufen wie immer: Die Chinesen werden weitermachen wie bisher. Und wir Händler, die wir die Kartuschen importiert und verkauft haben, sind die Bauernopfer.“ Deshalb erwäge er auch, eigene Tests durchführen zu lassen, um auf der sicheren Seite zu sein.

Weitere Tests werden gerade auch von WTA und einem zweiten deutschen Remanufacturer auf den Weg gebracht. Beide Unternehmen sind keine ETIRA-Mitglieder und wollen selbst Fakten schaffen – sowie handfeste Argumente für ihr Vertriebsteam. „Welcher Händler möchte seinen Kunden schon stark schadstoffbelastete Kartuschen verkaufen?“, lautet die rhetorische Frage von WTA-Marketingleiter, Thomas Lentes. Da tue Aufklärung not – und dieser Aufgabe werde man sich in Suhl gerne stellen. Wie gerne, zeigt sich daran, dass der thüringische Hardcopy-Spezialist am 21. Dezember über verschiedene deutsche Online-Händler gleich zwölf Newbuilt-Kartuschen der großen chinesischen Hersteller hat einkaufen lassen. Sobald die Kartuschen vorliegen, wandern sie umgehend in das mittlerweile DecaBDE-erprobte Prüflabor von TÜV Rheinland/LGA.

Riesen-Chance für die europäische Reman-Industrie

Natürlich werden wir die neuen Ergebnisse, sobald sie vorliegen, zeitnah veröffentlichen und in den Gesamtkontext einordnen. Darüber hinaus sind wir im Gespräch mit den Kollegen von den reichweitenstarken Publikumsmedien, damit diese das Thema ebenfalls aufgreifen: Die hohe Belastung von zigtausenden, möglicherweise hunderttausenden China-Kartuschen mit verbotenen, toxischen Substanzen ist längst kein Thema mehr nur für die Hardcopy-Branche: Hier geht es um die Gefährdung von Millionen europäischen Verbrauchern, die ahnungslos gefährlichen Schadstoffen ausgesetzt werden. Deshalb fordern wir die deutschen und EU-Behörden auf, endlich konsequent bestehende Gesetze anzuwenden und den Import asiatischer Newbuilt-Kartuschen nach Europa so lange zu stoppen, bis alle Anbieter den Nachweis erbracht haben, dass ihre Produkte tatsächlich ‚sauber‘ und rechtskonform sind. Das ist das Mindeste, was sie ihren Bürgern schuldig sind!

Wir sind der festen Überzeugung, dass dieser Skandal eine echte Chance für die europäische Reman-Industrie ist, wieder Boden gegenüber den Asiaten gut zu machen. Nicht weil wir gegen globalen Wettbewerb sind, sondern weil wir gegen diese fiese Form der Wettbewerbsverzerrung sind. Gesetze grob zu missachten und die Gesundheit von Menschen zu gefährden, ist kein Kavaliersdelikt. Hier teilen wir eins zu eins die Ansicht unserer US-amerikanischen Kollegen von ‚Actionable Intelligence‘, die in ihrem Bericht vom 18. Dezember geschrieben hatten: „Das Problem verbotener Stoffe in Newbuilt-Kartuschen ist ein Riesenthema – und es gibt sowohl den OEMs als auch den Remanufacturern eine echte Chance, viele Newbuilt-Kartuschen vom Markt zu verdrängen. (…) Der DecaBDE-Skandal scheint das Potenzial zu haben, ein breites Spektrum an Newbuilt-Tonerkartuschen aus Europa verbannen zu können.“ ho

Fakten und Mythen

Das gesundheitsschädliche Flammschutzmittel DecaBDE wurde in den letzten Jahren aus immer mehr Produktkategorien verbannt. Nach dem 2. März 2019 darf die Substanz laut REACH-Verordnung in Europa grundsätzlich nicht mehr hergestellt oder in Verkehr gebracht werden. In Elektro- und Elektronikgeräten ist DecaBDE schon seit dem 1. Juli 2008 europaweit verboten. Da Druckerkartuschen mit Mikrochip in diese Produktkategorie fallen, dürfen diese schon seit mehr als zehn Jahren kein DecaBDE mehr enthalten. So lautet die unmissverständliche Einschätzung des Umweltbundesamtes (UBA), und das ist auch die einhellige Meinung der von uns befragten Experten auf dem Gebiet der Abfallentsorgung.
Hier das Statement des Umweltbundesamtes im O-Ton: „Im Falle der Tonerkartuschen ist zunächst zu prüfen, ob Sie unter den Anwendungsbereich der Elektrostoff-Verordnung bzw. RoHS-Richtlinie 2011/65/EU fallen. Diese gilt nur für Elektro- und Elektronikgeräte. Insofern sind Tonerkartuschen mit einem Elektronikanteil, z.B. einem Chip, vom Anwendungsbereich erfasst. Für diese ist der Einsatz von DecaBDE seit dem 1. Juli 2008 verboten.“
Fälschlicherweise wird von einzelnen betroffenen Anbietern in ihrem Blog suggeriert, belastete Kartuschen dürften noch bis zum 1. März 2019 in Verkehr gebracht werden, selbst wenn sie DecaBDE-Konzentrationen > 0,1 % enthalten. Erst nach dem 2. März 2019 sei die Substanz dann in der EU nicht mehr zulässig. Das ist falsch und irreführend. Tatsächlich liegt der Stichtag für ein generelles DecaBDE-Verbot in Elektro- und Elektronikgeräten nämlich schon etwas länger zurück – genau zehn Jahre und sieben Monate…

Chinakartuschen-Schadstoff-Statistik für Anfänger

Wenn man von 400 Mio. jährlich verkauften Tonermodulen weltweit ausgeht, dann entfallen davon 5–10 % auf den deutschen Markt – also 30 Mio. Kartuschen. Jede zweite davon ist eine HP/Canon-Kartusche, das macht 15 Mio. Stück. Konservativ geschätzt haben China-Newbuilts hierzulande einen Marktanteil von 20–30 %. Damit kommen wir auf 3,8 Mio. China-Kartuschen für HP-Laserdrucker, die in Deutschland pro Jahr verkauft werden.
Sollten die bisherigen Analysen repräsentativ für den Gesamtmarkt sein – und es gibt keinerlei Evidenz, die dagegen spricht – dann wären knapp 90 % aller Newbuilts aus dem Reich der Mitte mit DeacBDE kontaminiert. Das hieße, dass in Deutschland – hochgerechnet auf das Gesamtjahr 2018 – 3,4 Mio. belastete Kartuschen verkauft wurden. Selbst wenn man die bisherigen Tests für nicht repräsentativ hält und willkürlich die Annahme trifft, „nur“ jede dritte China-Kartusche sei belastet, käme man auf 1,3 Mio. belastete Kartuschen p.a. Heruntergebrochen bedeutet das, dass täglich ca. 3.500 DecaBDE-Kartuschen hierzulande gekauft werden. Alleine während Sie diesen Bericht gelesen haben (15 Minuten), haben statistisch gesehen 35 deutsche Verbraucher eine verseuchte China-Kartusche in Empfang genommen. Ahnungslose Verbraucher, die nichts wissen von den gefährlichen Inhaltsstoffen ihrer günstigen Tonerkartusche. Liebe Behörden: Wacht endlich auf und schützt die Gesundheit der deutschen Verbraucher!



Böser Rohstofflieferant…

Am 21. Dezember verbreitete Static Control über den ‚Recycler‘ und andere Kanäle ein Statement zum DecaBDE-Skandal. Demnach hat man die eigenen Kartuschen in den letzten Wochen analysiert und die Mehrzahl würde die geltenden Umweltvorschriften erfüllen. Bei einer geringen Anzahl von Kartuschen habe man eine verbotene Substanz in den Kunststoffteilen gefunden. Der kontaminierte Kunststoff würde von einem „schurkischen Rohstofflieferanten“ stammen. Man habe sofort reagiert, um sicherzustellen, dass alle Kartuschen künftig rechtskonform sind.
Wenn man bei Static Control denkt, mit diesem wachsweichen Statement, das noch nicht einmal die Substanz benennt, um die es geht, sei der Fall behoben, dann täuscht man sich gewaltig. Transparenz sieht ganz anders aus, und die Erklärung wirft weit mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Wer war der „schurkische Rohstofflieferant“? Wie viele Kartuschen von Static Control sind insgesamt betroffen? Welche anderen Hardcopy-Hersteller beziehen ihre Kunststoffteile bei dem „schurkischen“ Vorlieferanten? Und vor allem: Wie viele DecaBDE-belastete Kartuschen hat Static Control in den letzten Monaten bereits nach Europa verkauft? Welche Maßnahmen will man treffen, um die kontaminierten Kartuschen schnellstmöglich wieder vom Markt zu bekommen? Wie sieht es mit Rückrufaktionen aus? Wird Static Control seine europäischen Handelspartner, die ebenso getäuscht wurden wie die ahnungslosen Endkunden, finanziell für den Schaden entschädigen? Last but not least: Was geschieht mit den belasteten Kartuschen, die die Händler noch auf Lager haben: Bekommen sie dafür einen finanziellen Ausgleich…?
Übrigens geht es bei dem Skandal längst nicht nur um europäische Umweltvorschriften, wie das Statement von Static Control suggeriert. Es handelt sich bei DecaBDE um eine in europäischen Elektronikgeräten seit 2008 verbotene, toxische Substanz, die im Verdacht steht, sich langfristig schädlich auf die Embryonalentwicklung auszuwirken. Das ist ein ziemlich eklatanter Unterschied!
Drucken
TOP-THEMEN